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Regula Berger

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Auf leisen Sohlen
Pantherhaft
Schleichst du
Dich an
Packst
Plötzlich zu
Gewaltsam

Präziser
Als des Löwen
Pranke
Gezielter
Könnte
Dein Schlag
Nicht sein

Raubkatze Schicksal
Kraftvolle
Stolze
Siegerin
Genüsslich
Verzehrst du
Deine Beute
Heute
Mich

Ich bin ich

Frauen leben in mindestens zwei Welten. In der reellen Familien-
und Arbeitswirklichkeit und in ihrer ganz persönlichen
Seelensphäre. Von den meisten Männern und von der
Gesellschaft als solcher wird nur die eine Realität anerkannt.
Dort werden Frauen angesprochen, bestätigt und in einer
Rolle fixiert. Als traditionelle oder auch als moderne, als
fortschrittliche »Menschin« weiss ich also genau, wer ich
sein soll. Ich bin so, wie die Gesellschaft mich geprägt hat,
wie ich mich eingepasst habe und formen liess. Ich werde
geschätzt, denn ich bin nützlich und garantiere den Fortbestand
des Systems. Ich habe diverse Möglichkeiten, doch nur
innerhalb des abgesteckten Rahmens.

 

Wehe dir, wenn du zu neugierig bist, wenn du aufbrichst zu
neuen Ufern! Das ist unbequem und unheimlich. Es gehört
sich nicht und könnte gefährlich werden. Du wirst zur Bedrohung,
sobald du hinter die Fassade kletterst. Das verunsichert!
Was willst du dort entdecken? Alles Hirngespinste,
allenfalls mit weiblichen Hormonumstellungen erklärbar,
das wird sich hoffentlich bald wieder legen. Du musst doch
wieder zur Vernunft kommen!
Ich bin verunsichert, plötzlich weiss ich nichts mehr. Wer
bin ich eigentlich? Welche könnte ich sein? Manchmal nährt
mich Stille; häufig bereichern mich Farben und Bilder, erfüllen
mich Töne. Im schlimmsten Fall legt mich mein Körper
lahm, damit ich höre. Tief in mir sprudelt eine Quelle; ich
spüre es, da ist noch mehr. Alles ist anders als ich dachte und
man mich lehrte. Es schwingt in mir, meine Seele tanzt und
singt vor Freude ob jedem gewonnenen Raum.
Die einen nennen es Träume. Ich weiss, dieses Innere ist
wirklich.

 

Im Garten erscheint ein mächtiger Adler. Er schreitet auf mich zu.
Ich staune und erschrecke zugleich. Ich weiss nicht, soll ich mich
vor ihm fürchten oder ist er mir freundlich gesinnt. Ich ziehe mich
ins Haus zurück, lasse aber die Türe eine Spalte offen. Er kommt
näher. Sein spitzer Schnabel und seine würdevolle Haltung beein-
drucken mich. Er schaut mich eindringlich an. Sein braungesprenkeltes
Federkleid wirkt warm und weich. Ich bemerke, dass sein
Körper hinten die Form eines Schafes hat, aber auch mit Federn
bedeckt ist. Was will er mir sagen? Er streckt den Kopf zur Türöffnung
herein. Ich füttere ihn mit rohem Fleisch.

 

Wer bin ich, dass ich im Traum Adler und Schaf in mir
vereine? Gegensätzlicher könnten die beiden Symbole
kaum sein. Das Schaf lebt bescheiden und friedfertig in der
Herde. Für den Menschen ist es ein domestiziertes Nutztier,
das ihm Milch und Wolle, Nahrung und Wärme spendet.
Generationen von Frauen führten ein Schattendasein, lebten
nur Schafqualitäten. Sie waren liebende Mütter, treue
Gattinnen, vermittelnde Tanten und hilfsbereite Omas. Sie
garantierten das Funktionieren der Gemeinschaft, manche
opferten sich auf – wurden buchstäblich zum Opferlamm.
Die Rolle des Adlers fiel ihren Männern zu. Der stolze,
wachsame, blitzschnell agierende Raubvogel, der in seinem
Horst thronende Einzelgänger, der hochfliegende und weitblickende
König der Lüfte. Im Traum gelingt es mir, diese
beiden unterschiedlichen Tendenzen zu einem Ganzen zu
verweben. Der Adler in mir soll warmherzig und fürsorglich
bleiben, das Schaf in mir will fliegen lernen. Dann bin
ich wirklich ich.

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